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Das lange 19. Jahrhundert

Die Jahre nach dem Scheitern der Revolution von 1848 werden als Zeit der Reaktion bezeichnet, das heißt als eine Phase, die durch starres Festhalten an überholten politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt ist. Tatsächlich schien es so, als ob das vorrevolutionäre Deutschland wieder nahezu hergestellt wäre: Die deutsche Nationalbewegung hatte mit der Erneuerung des Deutschen Bundes unter der Führung Österreichs eine schwere Schlappe erlitten. Die liberale und demokratische Bewegung war mit der Beseitigung der Frankfurter Reichsverfassung und der Verfolgung all jener, die revolutionärer Umtriebe verdächtig waren, mundtot gemacht. Dennoch hatte die Revolution tiefe Spuren hinterlassen.

Der preußisch-österreichische Gegensatz geriet in Bewegung, als Österreich 1859 Krieg gegen Piemont-Sardinien und Frankreich führte. Während der französische Kaiser Napoleon III. als Vorkämpfer der nationalen Einheit Italiens auftrat, verteidigte Österreich in Oberitalien Interessen, die vielfach als antiquiert angesehen wurden. Der Deutsche Bund unterstützte Österreich nicht und das österreichische Heer erlitt bei Magenta und Solferino (4. und 24. Juni 1859) blutige Niederlagen. Für die italienischen Staaten bildete der Krieg den Auftakt zur Entstehung des Königreichs Italien. Dieser Erfolg gab auch der deutschen Nationalbewegung Auftrieb.

In Preußen gab der Krieg von 1859 Anstoß zu den Heeresreformplänen, die zum Verfassungskonflikt und zum Ende der "Neuen Ära" führten. Bismarck rückte seit seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten ganz in das Zentrum der preußischen und deutschen Politik. Die Einigung Deutschlands "von oben", also durch die Machtmittel des preußischen Staates war ein vorrangiges Ziel. Das deutsche Kaiserreich entstand schließlich durch drei Kriege unter preußischer Führung:

  • 1864 gemeinsam mit Österreich gegen Dänemark um Schleswig-Holstein,
  • 1866 gegen Österreich, woraufhin als Vorläufer des Deutschen Reiches der Norddeutsche Bund gegründet wurde, und
  • 1870/71 gegen Frankreich.

Als entscheidender Akt der Reichsgründung galt die Proklamation Wilhelms I. von Preußen zum Deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Versailler Schlosses. Die führende Rolle Preußens bei der Reichsgründung, die Personalgestellung von preußischer und deutscher Regierungsspitze sowie die gebiets- und bevölkerungsmäßige Dominanz Preußens machten dieses zum tonangebenden Bundesmitglied.

Die Reichsgründung wurde von der überwältigenden Mehrheit der Deutschen begrüßt. Die nationale Begeisterung ließ aber leicht vergessen machen, dass die Machtkonzentration in der Mitte Europas den Nachbarstaaten als Gefahr für das Mächtegleichgewicht erscheinen musste. Dies wurde besonders problematisch nach der Entlassung Bismarcks. Die Periode ab 1890 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 wird in den Geschichtsbüchern oft als Zeitalter des Imperialismus oder als Wilhelminisches Zeitalter bezeichnet. Die Ausdrücke nehmen Bezug auf das charakterisierende Streben der europäischen und der neuen, außereuropäischen Großmächte (USA, Japan) im Wettlauf eine Weltmachtposition aufzubauen.