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Zielgebiet Elsass - Die schweren Marinegeschütze des Westwalls am Oberrhein

Was passiert, wenn 1938 beim Ausbau des Westwalls am Oberrhein Soldaten des Heeres schwere Schiffsgeschütze der Kriegsmarine an Land aufbauen und bedienen sollen, von alle dem aber keine Kenntnisse haben? In einem friedlichen Zeitalter der deutsch-französischen Freundschaft, in welchem Deutsche in Frankreich einkaufen und Franzosen in Deutschland arbeiten, erscheint es heute schwer vorstellbar, dass aus Befestigungsanlagen vom rechten Rheinufer aus einst mit schwerer Marineartillerie weit auf das andere - linke - Rheinufer geschossen wurde und dabei Menschen die zu diesem Zeitpunkt wegen genau dieser Kampftätigkeiten aus ihren Dörfern in der sogenannten „Roten Zone“ evakuiert waren, dem Schießen zusahen. Doch welcher geschichtliche Hintergrund steckt hinter der Stationierung und dem Einsatz dieser schweren Marinegeschütze so fern ab der Küste entlang des Oberrheins, die in Bunkeranlagen, die zu den größten Bauten der deutschen Westbefestigungen gehörten, stationiert waren? Zwischen Karlsruhe im Norden und Weil am Rhein im Süden wurden damals Marinegeschütze im Kaliber von 10,5 cm bis 30,5 cm stationiert, welche gegen Ende des Westfeldzuges 1940 trotz der oft ortsnahen Aufstellung mehrere Tage lang Ziele im Elsass beschossen. Als Folge darauf antwortete die schwere französische Artillerie mehrfach aus dem Elsass mit Feld- und Eisenbahngeschützen und sorgte somit für schwere Schäden wie beispielsweise in Rastatt, Freiburg/Breisgau sowie rund um Kehl.

Eines der beiden schwersten Marinegeschütze mit dem Kaliber 30,5 cm, welches bei Ottenhöfen nordöstlich Straßburg stationiert war, feuert im Mai 1940 auf Ziele im Elsaß (Archiv Projekt Westwall Baden-Württemberg, vormals Fotosammlung Käshammer).

Nach dem Ende des Westfeldzugs wurden die Marinegeschütze im Sommer 1940 vom Oberrhein abgezogen und kamen zum größten Teil am Ärmelkanal Frankreichs zum erneuten Einsatz. Dort sperrten sie zusammen mit anderen schweren Geschützen die Meerenge von Dover und beschossen die Südküste Englands. Nach der alliierten Invasion in der Normandie und am Mittelmeer im Sommer 1944 sollten die seit 1940 leerstehenden Geschützbunker am Oberrhein wieder aktiviert werden. Bis in den März 1945 hinein wurde an den Bunkern gebaut, damit sie neue weitreichende Geschütze aufnehmen und somit in die mittlerweile erneut am Oberrhein entstandenen Kampfhandlungen eingreifen konnten. Nach dem Krieg wurden die Bunkeranlagen gesprengt und im Lauf der Jahre zugeschüttet. Dorferweiterungen und Übererdungen sorgten in den Jahrzehnten danach dafür, dass von diesen großen Anlagen fast keine Spuren mehr vorhanden oder kaum mehr erkennbar sind. Somit ist nur wenig darüber bekannt, welche lange Odyssee und Vorgeschichte diese Marinegeschütze bereits durchliefen, bevor sie an den Oberrhein kamen, wobei deren Reise dort nicht enden sollte. Ähnlich verhält es sich mit den eigentlichen Hintergründen zum Einsatz der Marinebatterien am Oberrhein. Ebenso ahnen die Wenigsten beim Anblick der heutigen Batteriestellungen dieser Geschütze von den Bemühungen des Wiedereinsatzes und den dramatischen Ereignissen in den letzten Kriegsjahren 1944 und 1945, als der Krieg wieder an den Oberrhein zurückkam.

Die beiden Referenten Sascha Kuhnert (Kehl / Alta) und Friedrich Wein (Horb) folgten in einem mehrjährigen Forschungsprojekt den Spuren der Marinegeschütze des Westwalls am Oberrhein. Diese Spurensuche führte die Beiden vom Baltikum über die Nord- und Ostseeküste an den Oberrhein sowie das Saarland und anschließend an den Atlantikwall sowie auf die Krim-Halbinsel am Schwarzen Meer. Es gelang Ihnen, einige der letzten noch lebenden Batterieangehörigen sowie Zeitzeugen zu befragen, von welchen sie wertvolle Informationen erhielten. Die Autoren recherchierten in 11 Archiven und erhielten aus 10 verschiedenen Ländern Informationen von Historikern und Fachleuten. Dabei wurde Wert daraufgelegt, nur gesicherte und belegbare Informationen in ihre dabei entstandene Veröffentlichung zum Thema der Marinegeschütze des Westwalls am Oberrhein aufzunehmen. Das somit entstandene Buch stellt auf 640 Seiten die Geschichte dieser Marinegeschütze und ihren Einsatz am Oberrhein akribisch dar. Darin finden sich über 350 historische Abbildungen, die zum größten Teil bisher noch nicht veröffentlicht wurden sowie weitere 120 aktuelle Bilder und 30 Pläne.

Südlich Karlsruhe befinden sich eindrucksvolle Reste der dortigen schweren Stellungsbatterie 217, der nördlichsten der am Oberrhein 1939/40 eingesetzten Marinebatterie (Friedrich Wein).

Das Ergebnis Ihrer Forschungsarbeiten präsentieren die beiden Autoren am

Dienstag, 25.04.2017, 19.00 Uhr, im Gartensaal des Wehrgeschichtlichen Museum

in Form einer digitalen Präsentation, in welcher sie speziell auf die Geschichte der schweren Stellungsbatterien südlich Karlsruhe und im Raum Kehl - Oberkirch, den sie unterstützenden Einsatz schwerer Eisenbahnartillerie sowie deren Ziele im Elsass eingehen werden. Veranstalter des etwa 1,5 stündigen Vortrags ist das Wehrgeschichtliche Museum Rastatt.

Der Eintritt hierzu ist frei.