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Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736)

Ein Brief des Prinzen Eugen aus Rastatt

Nachstehend wird ein vom 15. Juni 1704 datierter und für die Rastatter Geschichte bedeutender Brief des Prinzen Eugen von Savoyen vorgestellt. Es handelt sich um das erste Schreiben der politisch-militärischen Korrespondenz aus Rastatt, dem 33 weitere folgten, bis der kaiserliche Heerführer mit seinen Truppen vom Rhein an die Donau aufbrach; zur Vereinigung mit den alliierten Armeen, die dort gegen die Streitkräfte der französisch-bayerischen Koalition die Schlachtentscheidung suchten.


Damit stand der Krieg um die spanische Erbfolge (1701-1714), in dem die noch unbesiegte Militärmacht Frankreich bisher das Übergewicht behalten hatte, vor dem schicksalhaften Wendepunkt.

Am 13. Juni waren die drei berühmtesten Feldherrn ihrer Zeit in Groß-Heppach (ostw. Stuttgart) zusammengetroffen:

  • der Herzog von Marlborough, der gerade 20.000 Engländer und Niederländer in einem für die damalige Kriegführung vollkommen regelwidrigen, doch meisterhaft bewerkstelligten Marsch — 500 km in 25 Tagen — von Maastricht herangebracht hatte,
  • der Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, der die Reichsarmee kommandierte — sie stand bei Ulm —, der jedoch an Stelle der beabsichtigten Offensive gegen den Kurfürsten Max Emanuel von Bayern dessen Trennung vom französischen Bundesgenossen durch die diplomatische Aktion wünschte
  • und Prinz Eugen, der als neuer Präsident des Wiener Hofkriegsrates nach Beseitigung arger Mängel in der militärischen Organisation im bunt zusammengesetzten Habsburgerstaat nun die Führung der Rheinarmee übernahm.

Diese drei Männer sahen sich hier zum ersten Mal in ihrem Leben. Nach schwierigen Verhandlungen der beiden für den

Angriff zur Niederwerfung Bayerns plädierenden Vertreter mit dem "Türkenlouis" war es dem Prinzen gelungen, auch die Einheit des Kriegsplanes herzustellen. Er selbst begnügte sich mit der undankbaren Aufgabe, die seine schwächere Armee in der Stollhofener Linie zu erfüllen hatte. Sie sollte die auf der anderen Seite stehende französische Hauptmacht hindern, in die Operationen der englisch-niederländischen Armee und der Armee des Markgrafen von Baden wirksam einzugreifen. Der Prinz schrieb sogleich nach Ankunft im Hauptquartier zu Rastatt jenen Brief an den Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau (1693-1747), der als "Alter Dessauer" und Exerziermeister der preußischen Armee in die Geschichte eingegangen ist. Mit 11 Bataillonen und 19 Eskadrons zog er zur Unterstützung heran. Diese erstrangigen Truppen aus Preußen wurden angesichts der gespannten militärischen Lage am Oberrhein mit berechtigter Ungeduld erwartet. Der Inhalt des Briefes bedarf keiner weiteren Erklärung; nur auf den passus "was zu... löblicher Truppen... Conservation gedeihen kann", soll hier besonders hingewiesen werden. Mit der "Conservation" war im Zeitalter des fürstlichen Absolutismus das zentrale Bedürfnis gemeint, die Einsatzfähigkeit der Armee durch sorgsamen Unterhalt und möglichste Schonung zu bewahren. Da jeder voll ausgebildete Soldat ein kostbares, weil nur schwer zu ersetzendes Gut bedeutete, wäre es keinem Feldherrn in den Sinn gekommen, ihn als "Kanonenfutter" nach Belieben zu "verheizen". So sehr er auch beim Friedensdrill gezwiebelt werden mochte, im Kriege hätte man die gesamte Truppe am liebsten in Watte gepackt. Erst seit der Französischen Revolution und ihren Massenheeren der allgemeinen Wehrpflicht galt eine solche Rücksichtnahme im Zusammenhang mit der angestrebten Vernichtungsschlacht nicht mehr als primäre Regel. Hier der Brief:

Durchlauchtigster Fürst etc.
Um so glückseliger schätze ich mich, die Ehre zu haben, die Demselben Commando unterstehenden löblichen königl. preussischen Truppen für gegenwärtige Campagna bei dem von mir commandirenden Corpo zu sehen, als ich erstlich eine sehr hohe Estime gegen Euer Liebden trage, sodann aber mich erfreue, dass durchDemselben tapfere Anführung und gedachter Truppen bekannte Bravour besagtes unter meinem Commando stehendes Corpo verstärkt werde. Ich versichere Sie dannenhero, dass ich desto weniger vergessen, noch die geringste Gelegenheit unterlassen werde, was zu Dero Vergnügenheit und ernennter löblicher Truppen Aufnehmen und Conservation gedeihen kann. Ich bin heute dahier angelangt und intentionin, die hiesigen Posten zu Visitiren, so zwischen 2 Tagen geschehen wird, und wohl sein kann, dass ich gar bis Mannheim hinuntergehe. Alle Nachrichten geben, dass der Duc de Villeroy mit seiner völligen Macht nicht allein völlig angelangt, sondern, dass er herwärts Landau stehe und sein Dessein sei, mit dem Tallard zugleich an unterschiedlichen Orten die Passage zu tentiren, welches er denn auch alle Stund exequiren soll.Und wie aber bekannt, dass dasjenige Corpo, so ich commandiren solle, meistentheils von den löblichen königl. preussischen Truppen bestehe, so können Euer Liebden leicht/ich erachten, mit was für einer Ungeduld ich dieselbe erwarte, also zwar, dass ich Euer Liebden ganz anliegentlich ersuchen muss, Sie wollen sich belieben lassen, den Marsch gedachter Truppen auf alle mögliche Weise zu beschleunigen, und zwar die Cavallerie sogleich voraus marschiren zu lassen, mit der Infanterie aber können Sie Ihren Marsch gegen Bruchsal fortsetzen allwo Sie à portée stehen, nach Beschaffenheit des Feindes Contenance und meiner thuenden Erinnerung sich überallhin, wo es die Nothdurft erfordert, wenden können. Euer Liebden persuadiren sich übrigens meiner schuldigsten Dienstergebenheit, und glauben, dass ich allstets sei etc.           Eugenio von Savoy m.p.


Nachdem sich die französische Armee am 1. Juli 1704 von Straßburg aus unter Täuschungsmanövern an anderer Stelle recht schwerfällig in Bewegung gesetzt und den Schwarzwald überschritten hatte, um ihren bedrängten alliierten Streitkräften in Bayern Hilfe zu bringen, folgte Prinz Eugen mit der Masse seiner Truppen. Sein letztes Schreiben
aus Rastatt war ein Bericht an den Kaiser, expediert am 20. Juli. Nun drängte die Zeit; denn die durch Marlboroughs "langen Marsch" gewonnene Initiative drohte wieder in Verlust zu geraten, wenn die Waffenentscheidung weiter ausblieb. Zum Glück hat es der Prinz zuwege gebracht, die Führungsschwäche im Hauptquartier der beiden Oberkommandierenden zu überwinden und Planung sowie Lenkung der Operation zur Schlacht selbst in die Hand zu nehmen. Seine Armee und die englisch-niederländische schlugen sie am 13. August bei Höchstädt unter Marlboroughs Oberbefehl, während der Markgraf von Baden mit 14.000 Mann die Nebenaufgabe der Belagerung Ingolstadts übernommen hatte. In der Kriegsgeschichtsschreibung wird nicht zu Unrecht von einer Völkerschlacht gesprochen: Franzosen und Bayern (56.000 Mann) auf der einen, Engländer, Niederländer, Dänen, Preußen, Reichskontingente und kaiserliche Truppen (52.000 Mann) auf der anderen Seite. Die blutigen Verluste waren mit 25% extrem hoch, fast gleich den Durchschnittszahlen in der Völkerschlacht bei Leipzig anno 1813. Nach zwölfstündigem Kampf hatten Marlborough und Prinz Eugen einen vollständigen Sieg errungen.

Damit war eine Entscheidung von weltgeschichtlichen Folgen gefallen. Nicht nur, daß der Rest der französischen Truppen Deutschland räumen mußte und die tödliche Bedrohung Österreichs - im Osten durch die ungarischen Insurgenten - ein Ende hatte. Frankreich kämpfte nur noch um die Behauptung seiner eroberten Gebiete. Mit dem verlorenen Nimbus militärischer Unbesiegbarkeit war die Hegemonialpolitik Ludwigs XIV. endgültig gescheitert und das System des europäischen Gleichgewichts für die Zukunft gesichert.

Geschrieben von Siegfried Fiedler, erstmals veröffentlicht in: Der Bote aus dem Wehrgeschichtlichen Museum Rastatt, Nr. 6/ 1980, S. 17-19.